Provenienzforschung in Sachsen-Anhalt

Was ist Provenienzforschung und warum ist sie so wichtig?

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Museum Schloss Bernburg

Das Wort „Provenienz“ leitet sich aus dem lateinischen Wort „provenire“ ab, das „herkommen“ bedeutet. Man spricht von der Herkunft, zuweilen auch von der „Biographie der Objekte“ und meint damit die historischen Besitzverhältnisse.

Herkunftsangaben gehören zum allgemeinen Standard in der Museumsarbeit. Die Provenienzforschung hat das Ziel, die Besitzerkette seit der Entstehung eines Werkes möglichst lückenlos nachzuvollziehen. Neben dem Eigentümer spielen auch der Erwerbszeitpunkt sowie die Erwerbsumstände eine bedeutende Rolle. Für Museen und auch für den Kunsthandel ist es grundlegend zu wissen, woher ihre Sammlungen und Objekte stammen.

Provenienzen werden heute vor allem mit dem Fokus auf die Zeit des Nationalsozialismus erforscht, also von 1933 bis 1945 sowie der unmittelbaren Nachkriegszeit. Denn während des Zweiten Weltkrieges wurde Kulturgut in einem bis dahin unbekannten Maße geplündert und verschleppt. Kulturgüter aus den ehemaligen Kriegsgebieten finden sich heute in öffentlichen und privaten Sammlungen auf der ganzen Welt – einige werden auch in den öffentlichen Sammlungen Deutschlands aufbewahrt, oft ohne dass die Institutionen es wissen.

1999 hat sich Deutschland freiwillig dazu verpflichtet, seine öffentlichen Sammlungen nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern (NS-Raubgut) zu durchsuchen und bei klarem Nachweis, an die rechtmäßigen Erben zurückzugeben. Provenienzforscher beschäftigen sich mit der Suche und der Identifikation solcher Werke.

Internationale und nationale Voraussetzungen

Während der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945 kam es zu weitreichenden Enteignungen von Verfolgten des Nazi-Regimes. Nach dem Krieg wurden im Rahmen der Wiedergutmachungspolitik der Bundesrepublik Rückgaben und Entschädigungen vollzogen. Da es aber weltweit immer wieder zu aufsehenerregenden Fällen von NS-Raubgut in öffentlichem Besitz kam, wurde 1998 die Washingtoner Konferenz einberufen, um die Frage nach dem Umgang mit derartigen Objekten zu besprechen. In der „Washingtoner Erklärung“, verpflichtete sich Deutschland zusammen mit den 43 teilnehmenden Staaten nach NS-Raubgut zu suchen, Erben ausfindig zu machen und eine „gerechte und faire Lösung zu finden“.

Diese rechtlich nicht bindende freiwillige Selbstverpflichtung wurde 1999 in der „Gemeinsamen Erklärung“ der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände bekräftigt. Dabei wurde auch der Umstand betont, dass Wiedergutmachungen und Entschädigungen in der ehemaligen DDR im Vergleich zu den Wiedergutmachungsgesetzen der Bundesrepublik unzureichend waren. In der Erklärung wird festgehalten, dass die Suche nach verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern in allen öffentlichen Einrichtungen vorangetrieben werden soll. Infolgedessen wurden die entsprechenden Einrichtungen zur Veröffentlichung und Recherche (Lost Art-Datenbank) sowie Fördermittel für die Provenienzforschung bereitgestellt. Diese Aufgaben setzt heute die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste mit Sitz in Magdeburg um.

Provenienzforschung in Sachsen-Anhalt

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Sangerhausen Spengler-Museum, Bibliothek

Das Ziel, die Suche nach NS-Raubgut in den öffentlichen Museen Sachsen-Anhalts zu etablieren, wird seit einigen Jahren von Seiten des Landes Sachsen-Anhalt, des Museumsverbandes Sachsen-Anhalt e.V. sowie den Museen selbst vorangetrieben.

In Sachsen-Anhalt bemühten sich zuerst das Städtische Museum Wittenberg und das Kulturhistorische Museum Schloss Merseburg ihre Sammlungen nach NS-Raubgut zu durchsuchen.

Zugleich unterstützt das Land zusammen mit der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste die Provenienzforschung finanziell. 2017 startete in Kooperation mit dem Museumsverband Sachsen-Anhalt e.V. ein sechsmonatiges Pilotprojekt zur Provenienzforschung, an dem fünf Museen teilnahmen: das Städtische Museum Aschersleben, das Gleimhaus in Halberstadt, das Danneil-Museum in Salzwedel, das Altmärkische Museum in Stendal und das Museum Schloss Moritzburg in Zeitz. An den Häusern wurde im Erstcheck ermittelt, ob Forschungsbedarf hinsichtlich NS-Raubguts besteht. Im Ergebnis wurden an allen Museen Verdachtsmomente gefunden, die eine weitere Provenienzforschung empfehlenswert machen.

Provenienzforschung im Erstcheck

Die angewandte Forschungsmethode des Erstchecks wurde 2013 vom Museumsverband des Landes Brandenburg e.V. für mittlere und kleinere Häuser entwickelt. Im Erstcheck überprüft ein externer Provenienzforscher die Sammlungen nach ersten Verdachtsmomenten auf NS-Raubgut. Solche können etwa der Erwerb oder Schenkungen sein, Eingänge von Verfolgten, Privatleuten oder staatlichen Einrichtungen sowie „herrenloses“ Gut sein, dass ab 1933 an das Museum kam. Ziel ist es zu klären, ob weiterer Forschungsbedarf am Haus besteht.

Während der Erstchecks wird auch die Geschichte des Museums und des Ortes sowie der Verfolgten in der NS-Zeit behandelt um zu klären, inwieweit die Museumsmitarbeiter und mit dem Museum verbundene örtlichen Akteure in NS-Netzwerke eingebunden waren.

Erstcheck an 17 Museen in Sachsen-Anhalt

Das aktuelle Provenienzforschungsprojekt „Erstcheck an 17 Museen in Sachsen-Anhalt“ wird vom Land Sachsen-Anhalt, dem Museumsverband Sachsen-Anhalt e.V. sowie der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste getragen. Die Kunsthistorikerin Sabine Breer wird die Erstchecks durchführen.

Am laufenden Erstcheck nehmen teil: